Divertimento Nr. 1 in Es-Dur (K. 113)
von Wolfgang Amadeus Mozart

Mozarts Divertimento Nr. 1 in Es-Dur (K. 113) ist ein Orchesterwerk vom Typus der Cassation aus seiner MailĂ€nder Zeit, datiert auf November 1771 â da war er erst fĂŒnfzehn. In den Dimensionen bescheiden, dabei aber auffallend farbig in der Behandlung der BlĂ€ser (einschlieĂlich frĂŒher Klarinetten), zeigt es den jugendlichen Mozart beim Austesten der Grenze zwischen leichter Freiluftunterhaltung und der sich herausbildenden klassischen Sinfonie.
Hintergrund und Kontext
Im 18. Jahrhundert diente ein Divertimento (und seine nahen Verwandten, Cassation und Serenade) meist dem gesellschaftlichen Leben: Abendmusik fĂŒr aristokratische Haushalte, Gartenfeste oder Abonnementkonzerte, bei denen Eleganz und Abwechslung ebenso zĂ€hlten wie gedankliche Tiefe. Mozart schrieb im Lauf seiner Karriere viele solcher âGelegenheitswerkeâ, doch Divertimento Nr. 1 in Es-Dur, K. 113 ist ein besonderer frĂŒher Markstein: Es gehört zu den ersten StĂŒcken, in denen er Blasinstrumente nicht bloĂ als harmonische StĂŒtze behandelt, sondern als GesprĂ€chspartner, die der Komposition ein eigenes Profil geben können.[1])
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Die UmstĂ€nde seiner Entstehung verweisen deutlich auf Mozarts italienische Berufsambitionen. 1771 war er in Mailand auf seiner zweiten Italienreise, die vor allem dazu diente, die Produktion seiner festa teatrale Ascanio in Alba zu betreuen und davon zu profitieren (UrauffĂŒhrung in Mailand am 17. Oktober 1771). Das Divertimento gehört in dieselbe Welt: ein junger Komponist, der sich an Höfen und Theatern bewegt, den italienischen Geschmack fĂŒr klare melodische Konturen und rasche theatralische Kontraste in sich aufnimmt.[1])
Gerade diese Mischung aus Funktion und Experiment macht K. 113 heute hörenswert. Es zielt vielleicht nicht auf das psychologische Drama der spĂ€teren Sinfonien, ist aber keineswegs bloĂe âHintergrundmusikâ. Besetzung, konzertante Impulse und der kompakte viersĂ€tzige Plan zeigen Mozart beim Erproben sinfonischen Denkens â leichtfĂŒĂig, aber bereits zielgerichtet.
Komposition und UrauffĂŒhrung
Die Partitur im Autograph trĂ€gt eine Notiz von Leopold Mozart â âConcerto ĂČ sia Divertimento Ă 8â â datiert auf Mailand im November 1771: eine seltene dokumentarische Eindeutigkeit bei einem frĂŒhen Orchesterdivertimento.[1])[2] Dieselben Quellen und die spĂ€tere Forschung bringen das Werk mit einem MailĂ€nder Abonnementkonzert am 22. oder 23. November 1771 in Verbindung, möglicherweise in der Residenz von Albert Michael von Mayr (der in Diskussionen ĂŒber dieses Ereignis hĂ€ufig als wichtiger Gastgeber solcher Konzerte genannt wird).[1])
Schon der Titel aus Leopolds Hand ist aufschlussreich. Die Bezeichnung âKonzert oder Divertimentoâ verweist auf die damalige DurchlĂ€ssigkeit der Gattungen: Unterhaltungsmusik konnte sich der konzertanten Hervorhebung von Spielern bedienen, und ein âDivertimentoâ konnte mit dem Ernst (oder zumindest dem Prestige) eines öffentlichen KonzertstĂŒcks auftreten. TatsĂ€chlich fĂ€llt auf, wie oft die BlĂ€ser in duetthaften Figuren nach vorn treten â als wĂŒrden sie sich fĂŒr ein Konzertpodium empfehlen.
Besetzung
K. 113 ist heute vor allem in der âersten Versionâ bekannt, deren Besetzung mit dem MailĂ€nder Autograph und der frĂŒhen AuffĂŒhrungstradition verbunden ist. Das Werk ist instrumentiert fĂŒr:
- BlĂ€ser: 2 Klarinetten (in Bâ)
- BlechblÀser: 2 Hörner (in Es; im zweiten Satz in F)
- Streicher: Violinen I & II, Viola, Violoncello, Kontrabass
Das ist fĂŒr 1771 eine still bemerkenswerte Klangpalette. Klarinetten waren in vielen OrchesterzusammenhĂ€ngen noch relativ neu, und Mozart setzt sie hier nicht bloĂ dekorativ ein: HĂ€ufig teilen sie sich mit den Hörnern den melodischen Vordergrund und erzeugen einen warmen, gemischten Timbreklang, der besonders gut zu Es-Dur passt.[1])
Hinzu kommt, dass Mozart spĂ€ter eine Umarbeitung anfertigte (oder autorisierte), die die BlĂ€serbesetzung erheblich erweitert (mit Paaren von Oboen, Klarinetten, Englischhörnern, Fagotten und Hörnern). Das spiegelt sowohl die AnpassungsfĂ€higkeit des Divertimento-Repertoires als auch die praktische RealitĂ€t, dass die verfĂŒgbaren Musiker je nach Ort und Anlass variieren konnten.[1]) FĂŒr heutige Hörer bleibt die Besetzung der ersten Version der klarste Zugang zur MailĂ€nder Klangwelt, die die Mozarts Ende 1771 umgab.
Form und musikalischer Charakter
K. 113 umfasst vier SĂ€tze â ein Grund, weshalb es im Umriss ĂŒberraschend âsinfonischâ wirken kann, auch wenn seine musikalische Rhetorik eher freundlich als gewichtig bleibt.[1])
- I. Allegro (Es-Dur)
- II. Andante (Bâ-Dur)
- III. Menuetto â Trio (Trio in g-Moll)
- IV. Allegro (Es-Dur)
I. Allegro
Das eröffnende Allegro ist hell und nach auĂen gewandt; seine Themen sind auf unmittelbare Wiedererkennbarkeit angelegt, weniger auf weitgespannte Verwandlung. Am fesselndsten ist jedoch die Textur: Mozart behandelt die paarigen Klarinetten und Hörner wiederholt wie Solisten und setzt sie in Austausch mit den Streichern und miteinander. Diese âkonzertanteâ Gewohnheit â eine kleine Gruppe innerhalb des Orchesterrahmens hervorzuheben â erklĂ€rt, warum Leopold das StĂŒck plausibel als Concerto ĂČ sia Divertimento bezeichnen konnte.[1])
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II. Andante
Das Andante (in der subdominantischen Region von Bâ-Dur) mildert das Profil. Hier tritt die FĂ€higkeit der BlĂ€ser zu getragenem Cantabile (gesanglicher Linie) in den Vordergrund, und der Wechsel der Hörner auf den F-Bogen fĂŒr diesen Satz unterstreicht, dass Mozart Farb- und Tonartendisposition mit praktischem Detailbewusstsein konzipierte.[1]) Statt opernhafter Dramatik herrscht der Eindruck kultivierter Konversation â ein intimes Intermezzo innerhalb eines öffentlichen Abends.
III. Menuetto â Trio
Das Menuett ist in seinem höfischen Schritt âtraditionellâ, doch im Trio setzt Mozart einen expressiven Akzent, indem er nach g-Moll ausweicht.[1]) Das ist mehr als ein routinierter Kontrast: Das Trio im Moll verdunkelt kurz die sonst sonnige Grundhaltung des Divertimentos â ein Hauch emotionaler Schattierung, der Mozarts spĂ€tere Leichtigkeit ahnen lĂ€sst, zwischen gesellschaftlicher OberflĂ€che und innerem Empfinden zu wechseln.
IV. Allegro
Das Finale-Allegro ist lebhaft und knapp, gebaut, um das Publikum belebt zu entlassen. Wieder ĂŒberwiegt der Eindruck instrumentaler Geselligkeit: BlĂ€ser und Streicher sind nicht in starrer Hierarchie geordnet, sondern in einem flexiblen, auffĂŒhrungsfreundlichen Dialog. Der Schwung des Satzes â schnelle Gesten, klare Kadenzen, leuchtende Es-Dur-KlĂ€nge â erfĂŒllt das zentrale Versprechen des Divertimentos: zu erfreuen, ohne seine Wirkung zu ĂŒberdehnen.
Rezeption und Nachwirkung
K. 113 gehört nie zu den am hĂ€ufigsten programmierten Orchesterwerken Mozarts â auch, weil es zwischen Kategorien steht: dem Namen nach keine âSinfonieâ, keine Kammermusik und nicht an einen berĂŒhmten öffentlichen Auftrag gebunden. Dennoch ist seine Wirkungsgeschichte leise bedeutsam.
Erstens dokumentiert es Mozarts frĂŒhe Auseinandersetzung mit der Klarinette im Orchester â eine Auseinandersetzung, die spĂ€ter in einigen seiner beliebtesten instrumentalen EinfĂ€lle aufblĂŒhen sollte. Zweitens zeigt es ihn beim Formen eines viersĂ€tzigen Plans, der der sinfonischen Norm entspricht, jedoch mit den leichteren Umgangsformen, die man 1771 von MailĂ€nder Unterhaltungsmusik erwartete. SchlieĂlich unterstreichen die verschiedenen Besetzungen eine historische Wahrheit, die in der modernen Konzertkultur bisweilen in Vergessenheit gerĂ€t: Divertimenti waren lebendiges Repertoire, das man den UmstĂ€nden und den verfĂŒgbaren Musikern anpasste.[1])
Wer K. 113 heute neu entdeckt, findet seinen Reiz nicht nur in jugendlicher Brillanz, sondern im Handwerk: im sicheren ProportionsgefĂŒhl, in der eleganten BlĂ€serfĂ€rbung und im Instinkt fĂŒr publikumsnahe Klarheit. Es ist Mozart, fĂŒnfzehn Jahre alt, der Musik schreibt, die genau weiĂ, wofĂŒr sie da ist â und dabei schon andeutet, was er spĂ€ter sein wird.
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Noten
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[1] Wikipedia: overview of Mozartâs Divertimento No. 1, K. 113 (date, context in Milan, movements, and scoring; discussion of multiple versions).
[2] Deutsche Digitale Bibliothek: catalog entry for the autograph (Staatsbibliothek zu Berlin), including Leopold Mozartâs title/inscription and Milan November 1771 dating.










