K. 476

Das Veilchen (K. 476): Mozarts Goethe-Lied in G-Dur

di Wolfgang Amadeus Mozart

Unfinished portrait of Mozart by Lange, 1782-83
Mozart, unfinished portrait by Joseph Lange, c. 1782–83

Das Veilchen ("The Violet"), K. 476, ist Mozarts bekanntestes Lied fĂŒr Singstimme und Tasteninstrument, das er am 8. Juni 1785 in Wien in seinen eigenen thematischen Katalog eintrug. Entstanden im Alter von 29 Jahren, nimmt es in seinem Schaffen eine Sonderstellung ein: als seltenes, psychologisch waches Goethe-Vertonung Johann Wolfgang von Goethes – ja, als seine einzige erhaltene Goethe-Vertonung.

Hintergrund und Kontext

Mozarts Lieder (Lieder) stehen oft im Schatten seiner Opern, geistlichen Werke und Konzerte; doch gerade im Wien der mittleren 1780er Jahre entstand eine kleine, konzentrierte Gruppe deutscher vokaler Miniaturen, gedacht fĂŒr den intimen Vortrag und nicht fĂŒr das Theater. Das Veilchen gehört in diese private, salonhafte Welt – Musik fĂŒr eine einzelne Stimme, getragen vom Tasteninstrument – und zielt doch weit ĂŒber bloße hĂ€usliche Unterhaltung hinaus.

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Der Text stammt von Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) und ist seinem Singspiel Erwin und Elmire entnommen (das Gedicht selbst datiert aus der Mitte der 1770er Jahre). Mozarts Hinwendung zu diesem Gedicht ist bezeichnend: Es ist ein Drama im Kleinen, das von pastoraler Unschuld ĂŒber Begehren zu einer jĂ€hen Katastrophe fĂŒhrt. In einer Zeit, in der das deutsche Lied noch hĂ€ufig strophisch angelegt war (jede Strophe mit derselben Musik), verlangte eine solche Miniatur-ErzĂ€hlung nach einer beweglicheren musikalischen Antwort.[1]

In Mozarts eigenem Werkverzeichnis ist das StĂŒck eindeutig auf Wien datiert, und seine Echtheit ist hervorragend gesichert.[1] Auch das Autograph ist erhalten; es bewahrt Details von Mozarts Notation (darunter die Tempobezeichnung Allegretto) und bestĂ€tigt die praxisnahe Besetzung fĂŒr Singstimme und Klavier.[2]

Text und Komposition

Goethes Gedicht erzĂ€hlt von einem Veilchen, das bescheiden auf einer Wiese steht und kurz davon trĂ€umt, von einer SchĂ€ferin bemerkt und gepflĂŒckt zu werden – nur um schließlich zertreten zu werden. Die Pointe ist verstörend: Das Veilchen „freut sich“, unter den FĂŒĂŸen der Geliebten zu sterben. Mozart verschĂ€rfte den moralischen Stachel, indem er eine Zeile hinzufĂŒgte, die bei Goethe nicht steht – „Das arme Veilchen!“ („Armes Veilchen!“) – und danach noch einmal die zarte Anfangsphrase aufgreift.[1][3]

Obwohl im Umfang klein, zeigt das StĂŒck Mozart als dramatischen Denker. Anstatt die drei Strophen in identischem musikalischem Gewand zu prĂ€sentieren, komponiert er das Lied durchkomponiert – das musikalische Material verĂ€ndert sich mit der Situation des Gedichts –, sodass jede Wendung der Handlung klanglich wie „inszeniert“ wirkt.[3]

Das Lied hatte zudem ein konkretes Nachleben in der Druckkultur. Es erschien 1789 in Wien zusammen mit Abendempfindung, K. 523, als „zwei deutsche Arien“ fĂŒr Gesang mit Tastenbegleitung – ein Hinweis darauf, wie solche StĂŒcke zwischen den Kategorien Lied, Arie und SalonstĂŒck zirkulieren konnten.[1]

Musikalischer Charakter

Beim ersten Hören kann Das Veilchen trĂŒgerisch schlicht wirken: eine kantable Gesangslinie, eine leicht gesetzte Begleitung und ein klarer Rahmen in G-Dur. Seine Besonderheit liegt darin, wie ökonomisch Mozart aus diesen Grundelementen Charakter und Handlung formt.

Das Klavier eröffnet mit einer kurzen Einleitung, die wie ein sanfter „Vorhangheber“ wirkt; danach erzĂ€hlt die Singstimme ungekĂŒnstelt, fast volksliedhaft. Doch Mozart hĂ€lt die Stimmung nicht statisch. Mit dem Auftreten der SchĂ€ferin und der sich steigernden inneren Fantasie des Veilchens werden Harmonik und Bewegungsdrang ereignisreicher; die tonale Schattierung (einschließlich einer schmerzlichen Wendung ins Moll) zeichnet den emotionalen Umschlag des Gedichts von Unschuld zu Sehnsucht nach.[3]

Am bemerkenswertesten ist Mozarts Behandlung des Schlusses. Der Tod kommt abrupt – fĂŒr ein so kleines Lied beinahe schockierend – und der hinzugefĂŒgte Ausruf „Das arme Veilchen!“ durchbricht fĂŒr einen Moment den ErzĂ€hlrahmen: als könne der Komponist (oder der Vortragende) sich einen menschlichen Kommentar nicht verkneifen.[1] Die RĂŒckkehr der Anfangsidee nach diesem Eingriff schließt nicht nur die Form; sie rĂŒckt die ganze Geschichte in ein neues Licht – als Erinnerung an ZĂ€rtlichkeit, nun vom Schatten der Ironie ĂŒberzogen.

Im grĂ¶ĂŸeren Kontext von Mozarts Schaffen lĂ€sst sich Das Veilchen neben den großformatigen Leistungen des Jahres 1785 leicht ĂŒbersehen. Gerade deshalb verdient es Aufmerksamkeit: In wenigen Minuten bĂŒndelt Mozart die FĂ€higkeiten des Opernkomponisten – Timing, Charakterzeichnung und emotionale Überraschung – in das verdichtete Format eines Liedes. FĂŒr Hörerinnen und Hörer, die sich fĂŒr die Vorgeschichte des Kunstlieds des 19. Jahrhunderts interessieren, liefert es ein ĂŒberzeugendes Argument dafĂŒr, dass Mozart, wenn er es wollte, deutsche Dichtung nicht als bloßen Vorwand fĂŒr Melodie behandelte, sondern als Theater im Kleinformat.[4]

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Spartito

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[1] Köchel-Verzeichnis (Mozarteum): work entry for KV 476 with dating (Vienna, 8 June 1785), instrumentation, publication note (1789 with K. 523), and comment on Mozart’s added final line.

[2] British Library Archives & Manuscripts Catalogue: Zweig MS 56 autograph score description for Mozart’s ‘Das Veilchen’ (K 476), including key and tempo marking.

[3] Wikipedia: overview of ‘Das Veilchen’ (K. 476) including through-composed form and narrative-related tonal/structural notes; confirms Mozart’s added concluding line.

[4] Oxford Academic (The Master Musicians: Mozart): contextual discussion of Mozart’s Vienna years (1785) noting *Das Veilchen* as his best-known song and only Goethe setting.