K. 264

9 Variationen in C ĂŒber „Lison dormait“ (K. 264)

von Wolfgang Amadeus Mozart

Mozart from family portrait, c. 1780-81
Mozart from the family portrait, c. 1780–81 (attr. della Croce)

Mozarts 9 Variationen in C ĂŒber „Lison dormait“ (K. 264) sind ein kompaktes, salonhaft dimensioniertes Variationswerk, das er am 22. Mai 1781 in Paris vollendete: eine damals modische französische BĂŒhnennummer verwandelt sich hier in eine Miniaturstudie ĂŒber Charakter und klavieristische Geistesgegenwart.[1] So bescheiden das StĂŒck nach außen wirkt, zeigt es doch den 25-jĂ€hrigen Mozart, der die Variationsform nicht als bloße Verzierung versteht, sondern als Medium fĂŒr rasche Wechsel von Satzbild, Register und Affekt.[2]

Hintergrund und Kontext

Mozarts Klaviervariationen beginnen oft mit einem Akt kulturellen Zuhörens: Er greift eine Melodie auf, die bereits „in der Luft liegt“, und erprobt dann, wie viele neue Rollen sie tragen kann. In K. 264 wĂ€hlte er „Lison dormait“, eine Ariette aus Nicolas DezĂšdes opĂ©ra-comique Julie – einem Genre, das auf Unmittelbarkeit, Charme und gesprĂ€chsnahe Klarheit setzt.[1] In Paris (wo solche Melodien rasch durch Theater und Salons zirkulierten) bot ein Thema dieser Art Mozart eine gemeinsame Sprache – fĂŒr dilettierende Liebhaber ebenso wie fĂŒr Kenner.

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Das StĂŒck gehört zudem zu einer weiteren mozartschen Praxis: Variationen zu schreiben, die zwischen Unterhaltung und PĂ€dagogik angesiedelt sind. Wie die bekannteren Variationen ĂŒber „Ah, vous dirai-je, Maman“ ruft K. 264 hĂ€usliches Musizieren auf, doch die technischen Anforderungen und stilistische SouverĂ€nitĂ€t verorten es eindeutig im Bereich professioneller Kunstfertigkeit.[3] FĂŒr heutige Hörer liegt der Reiz genau darin: Es ist „kleiner Mozart“, aber keineswegs „geringer“ Mozart.

Komposition

Das Vorwort der Neuen Mozart-Ausgabe datiert das Werk auf den 22. Mai 1781 und nennt als Melodiequelle „Lison dormait“ aus DezĂšdes Julie.[1] Dieses Datum ist aufschlussreich, weil es den Zyklus in eine Übergangsphase stellt: Mozart bewegt sich noch in einer frankophonen Musikwelt, steht jedoch bereits an der Schwelle zu den Wiener Jahren, die sein Klavierschaffen neu prĂ€gen sollten.

Die komplizierte Doppelnummerierung (K. 264 / K.315d) geht auf Revisionen des Köchel-Verzeichnisses zurĂŒck, nicht auf irgendeine musikalische Unklarheit: Das Werk ist ein abgeschlossener, in sich stimmiger Zyklus von neun Variationen fĂŒr Tasteninstrument solo.[2] Erhaltene Quellen und die spĂ€tere Druckgeschichte betonen sein Dasein im Privaten – Musik, die dazu gedacht war, besessen, gespielt und am Klavier genossen zu werden, statt in einem einzelnen öffentlichen Ereignis „uraufgefĂŒhrt“ zu werden.[3]

Form und musikalischer Charakter

K. 264 ist als einsĂ€tzige Folge von Thema und Variationen angelegt: ein klares, gut singbares Thema, gefolgt von neun knappen Verwandlungen. Jede Variation bewahrt in der Regel die harmonische Grundlinie des Themas, verĂ€ndert jedoch die OberflĂ€chenmerkmale – Figuration, Rhythmus, Register und Begleitmodell –, sodass man KontinuitĂ€t des „Skeletts“ bei wechselndem „Kleid“ erlebt.[4]

Was den Zyklus innerhalb von Mozarts Variationsschaffen besonders macht, ist seine französisch-theatralische DNA. Auch ohne Worte spĂŒrt man die opĂ©ra-comique-Gewohnheit rascher Charakterwechsel: Eine zarte lyrische Linie wird reich ornamentiert; eine schlichte Begleitung wird in ein bewegteres Satzbild umgeformt; und das cantabile der rechten Hand kann unvermittelt einem brillanteren, stĂ€rker auf Effekt zielenden Profil weichen. Mit anderen Worten: Die Variationen wirken fast wie eine Folge von BĂŒhnen-„KostĂŒmen“, wĂ€hrend die Melodie als erkennbarer Protagonist prĂ€sent bleibt.

Auf den letzten Seiten bĂŒndelt sich der virtuose Impuls. Die Schlussvariation trĂ€gt die Bezeichnung Allegro und enthĂ€lt – sowohl in der gĂ€ngigen AuffĂŒhrungstradition als auch in editorischen Beschreibungen – kadenzartige Passagen, die die RegelmĂ€ĂŸigkeit des zuvor etablierten Musters kurzzeitig lockern: Mozarts Art, einem SalonstĂŒck ein pointiert konzertantes Finale zu geben.[1]

Rezeption und Nachwirkung

K. 264 war nie ein „Schlagzeilen“-Werk wie die Klavierkonzerte oder die spĂ€ten Symphonien, ist aber als feinsinnige Lehr- und Konzertminiatur im Repertoire prĂ€sent geblieben. Seine Nachgeschichte ist zudem ĂŒber den editorischen und publizistischen Überlieferungsweg dokumentiert: Die Neue Mozart-Ausgabe fĂŒhrt es unter den Klaviervariationen und erörtert Quellenlage und Überlieferung des Werks.[3]

Heute verdient der Zyklus Aufmerksamkeit als Momentaufnahme von Mozarts kosmopolitischer Könnerschaft. Er zeigt, wie er auf das Pariser Volkstheater nicht mit stilistischer Vereinfachung reagiert, sondern mit Verdichtung – indem er Einfallsreichtum auf engstem Raum bĂŒndelt, ZugĂ€nglichkeit mit Kunstfertigkeit ausbalanciert und das Variationsprinzip als Labor fĂŒr Satztechnik und Charakter nutzt. FĂŒr Pianisten bietet das StĂŒck einen kompakten Rundgang durch Anschlag- und Artikulationskunst der Klassik; fĂŒr Hörer das VergnĂŒgen, eine Melodie wiederzuerkennen und zugleich zu erleben, wie Mozart ihr immer wieder einen Schritt voraus ist.

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[1] BĂ€renreiter preface excerpt for Mozart keyboard variations (includes K. 264, source tune from DezĂšde’s *Julie*, and date 22 May 1781).

[2] IMSLP work page for *9 Variations on “Lison dormait”*, K. 264/315d (catalog identifiers and basic reference).

[3] Digital Mozart Edition (Mozarteum) — *New Mozart Edition* volume preface for Keyboard Variations (context, editorial framing, transmission notes).

[4] French Wikipedia article summarizing formal layout and measure scheme of the variations (useful orientation, secondary reference).